Hochschulpolitik 2.0: Technologieförderung

Veröffentlicht von am 23.06.2013, 08:43 | 1 Kommentar

IT-Zentrum, Zentrum für Medien und Kommunikation, Technik+, crossmediale Ausbildung, Digital Humanities, Kompetenzzentrum Internet – viele technologische Buzzwords hört man in den letzten Jahren aus dem Munde der Universitätsleitung, der Presse und auf dem Campus. All diese Initiativen lassen sich unter der Überschrift Technologieförderung zusammenführen. Die Förderung neu entstehender Techniken und Märkte sorgt an der Uni Passau nicht nur für Begeisterung. Viele Angehörige der Philosophischen Fakultät sehen das geisteswissenschaftliche Profil der Uni bedroht.

Die zuletzt intensivste Förderung fand unter dem Titel Technik+ statt. Technik+ soll den Wissenschaftsstandort Niederbayern stärken und baut auf den Säulen Interdisziplinäre Vernetzung, Internationalität, Wissenstransfer und MINT auf. Nach Bewilligung des Projekts zu Beginn letzten Jahres durch den Bayerischen Landtag erfolgte die Ausschreibung von sieben neuen Lehrstühlen, verteilt auf alle vier Fakultäten. Der Lehrstuhl für Digital Humanities an der Philosophischen Fakultät wurde dieses Sommersemester als erster dieser neuen Lehrstühle besetzt.

Seit Anfang diesen Jahres bemüht sich die Uni Passau um eine weitere Förderung beim bayerischen Staat. An der Uni Passau soll zukünftig ein Kompetenzzentrum Internet entstehen. Diese Initiative soll im Rahmen des Förderungsprogrammes Digital Bavaria stattfinden. Als Kooperationspartner sollen die Hochschule Deggendorf und die Hochschule Straubing integriert werden. Ziel der Förderung ist es: “Internetkompetenz für den Mittelstand, aber selbstverständlich auch für große Unternehmen bayernweit zur Verfügung zu stellen”.

Studierende und Lehrpersonal der Philosophischen Fakultät fühlen sich zunehmend übersehen. Mit rund 6000 Studierenden ist die Philosophische Fakultät mit Abstand die größte Fakultät an der Uni Passau. Jedoch finden dort keine großen Förderungen für Studierende, Studiengänge oder Lehrstühle statt. Obwohl man z.B. mit dem Studiengang Kulturwirtschaft ein deutschlandweit einmaliges und sehr nachgefragtes Angebot geschaffen hat.

Die Universitätsleitung – welche durch Dr. Andrea Bör und Prof. Dr. Burkhard Freitag nun aus zwei Personen mit technischem Hintergrund besteht – kontert auf diese Kritik mit dem Argument, dass alle vier Fakultäten in die Förderungen integriert sind. Jedoch geschieht die Integration am Beispiel von Technik+ ungleich. So werden vier der sieben ausgeschriebenen Lehrstühle an der Fakultät für Informatik und Mathematik angesiedelt. Andererseits profitiert die Philosophische Fakultät nun durch neue Lehrstühle die ohne Technik+ gar nicht hätten ausgeschrieben werden können.

Der Unmut der Angehörigen der Philosophischen Fakultät liegt also insbesondere an der Verschiebung der Themenschwerpunkte zugunsten anderer Fakultäten und folglich dem Verlust der eigenen Identität. Aus diesem Grund gab es bereits Proteste des AStA gegen Technik+. Während die Proteste auch der schlechten Informationspolitik zu verdanken waren, fürchtet die Philosophische Fakultät weiterhin um ihre Stellung. Schließlich will man nicht nur als als Zulieferer der Fakultät für Informatik und Mathematik fungieren.

Reaktion der Universitätsangehörigen

Scumbag Uni PassauIm Zuge der Betriebsstörung am 9./10. Mai 2012 waren alle zentralen IT-Dienste der Uni für eine Dauer von einem Tag unerreichbar. Die polemische Antwort einiger Angehöriger der Uni folgte direkt im Netz. Im nebenstehenden Bild einer Tumblr-Seite wurde die Fähigkeit eines Kompetenzzentrum Internet durch die lange Downtime der IT-Dienste provokativ hinterfragt. Auf Twitter reagierte ein Nutzer auf die Ankündigung des Kompetenzzentrum Internet in Bezug auf den fehlenden IPv6-Zugang der Uni Passau:

Zur Verteidigung sei angemerkt, dass die Schwerpunktsetzung und -förderung von der Universitätsleitung ausgehen, während das Rechenzentrum der Ansprechpartner für den Betrieb und das Angebot der IT-Dienste ist. Denoch sollte man solche Kritik nicht ignorieren. Wer sich mit speziellen und zukunftsweisenden Kompetenzen schmückt sollte diese auch unter Beweis stellen. Eine ähnliche Diskrepanz findet sich auch beim Umgang mit dem social web. Es wurden wieder einmal alle politischen Hochschulgruppen befragt:

Fragestellung

Technik+ ist eine vieler Initiativen die technischen Kompetenzen der Uni Passau stetig auszubauen. Viele Angehörige der philosophischen Fakultät sehen jedoch das geisteswissenschaftliche Profil der Universität bedroht. Wie steht ihr zu diesem Thema?

Antworten*

Grüne HSG

Wir lehnen Technik+ nicht ab, erachten es aber als wichtig, dass der Ausbau der Universität nicht auf Kosten von bereits bestehenden Forschungs- und Studienschwerpunkten geschieht. Auch in Zeiten, in denen technische Kompetenz wichtig ist und wichtiger wird, dürfen bei der Verbindung geisteswissenschaftlicher Studiengänge mit informationstechnischen Inhalten, wie es Technik+ u.a. vorsieht, neue Inhalte nicht auf Kosten etablierter, nicht-technischer Inhalte, integriert werden. Wir sehen die Gefahr, dass das geisteswissenschaftliche Profil unserer Universität geschwächt wird – dies lehnen wir ab. Die Entwicklungen im Zusammenhang mit Technik+ verfolgen wir deshalb mit großer Aufmerksamkeit und bedauern die immer noch existente Unklarheit zu dieser Neuausrichtung.

RCDS

Der RCDS Passau hält es für richtig und gut, dass sich die Studenten in ihren Fachbereichen spezialisieren, auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von grundlegenden technischen und medialen Kompetenzen, die Studierende aller Fachrichtungen erlernen sollten. Die Bedenken mancher Studenten der philosophischen Fakultät Passau, dass das geisteswissenschaftliche Profil der Universität gefährdet sei, nehmen wir als RCDS durchaus ernst. Da aber die Initiative Technik+ plus rein zusätzliche Mittel i.H.v. 2,6 Millionen Euro (2012) darstellen, welche die Universität ansonsten nicht bekommen hätte, unterstützen wir hier grundsätzlich die Bestrebungen der Unileitung. Aus diesen Mitteln konnten sieben neue Lehrstühle geschaffen werden, davon zwei an der Philosophischen Fakultät.

Die Linke.SDS

Stellungnahme noch nicht eingesendet.

Piraten HSG

Die Angst vor einer Abwertung der Geisteswissenschaften durch Technik Plus teilen wir nicht. Im Gegenteil begrüßen wir den Aufbau neuer Lehrstühle an allen Fakultäten und hoffen auf eine nachhaltige Verbreiterung des Lehrangebots durch die zusätzlichen Mittel. Die Bemühung um Interdisziplinarität unterstützen wir in der Intention, auch wenn bei einigen konkreten Maßnahmen – etwa der Einführung neuer Nischenstudiengänge – im Detail Kritik angebracht ist. Ebenso berechtigt ist der vielfach geäußerte Wunsch nach größtmöglicher Transparenz und Beteiligung bei weitreichenden Entscheidungen über die Zukunft der Universität.

LHG

Ganz im Gegenteil! Technik+ ist eine Bereicherung des geisteswissenschaftlichen Profils. Die Geisteswissenschaften existieren nicht im leeren Raum sondern beschäftigen sich auch mit neuen gesellschaftlichen Entwicklungen. Dafür wird das Lehrangebot um technische Aspekte ergänzt. An allen Fakultäten werden neue Lehrstühle eingerichtet, deren Schwerpunk darin liegt, die Wirkung und Nutzung von Technik in Staat, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Bildung zu erforschen. Zusätzlich wird durch Technik+ der Austausch mit der Arbeitswelt gefördert, die Forschung an der Universität gestärkt und unsere überregionale und internationale Bedeutung durch interdisziplinäre Projekte forciert.
Inwiefern die Geisteswissenschaften durch einen zusätzlichen, auch geisteswissenschaftlichen Schwerpunkt gefährdet werden sollen ist uns schleierhaft.

Juso HSG

Der Ausbau unserer Universität ist wünschenswert, doch sollte er nicht auf Kosten ihres geisteswissenschaftlichen Profils gehen. Obwohl die Universitätsleitung betonte, dies nicht zu wollen, gab es letztes Wintersemester die Idee die Philosophische Fakultät zu teilen. Die Abschaffung einiger Studiengänge wäre eine Folge gewesen. Dies haben wir als Teil des AStAs mit verhindert. Die Uni Passau ist bei Studierenden und Lehrenden beliebt, da sie ein einmaliges Angebot an interdisziplinären Studiengängen im geisteswissenschaftlichen Bereich hat. Eine verstärkte Förderung der MINT-Fächer würde jedoch das Profil der Uni langfristig schaden. Wir sehen eher den Ausbau und die Verbesserung bestehender Studiengänge als wünschenswert an.

Im nächsten (und letzten) Artikel der Reihe Hochschulpolitik 2.0 beziehen die politischen Hochschulgruppen Stellung zum Thema Verfasste Studierendenschaft.

(*) Reihenfolge in Rotation zum vorherigen Artikel.

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Dieser Artikel wurde verfasst von Sebastian Henneberg.

1 Kommentar

  • Peter Lutz schreibt:

    Wenn die Jusos der Meinung sind, dass mehr Informatikerinnen und Informatiker der Universität Passau letztendlich schaden, dann brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn sie von ihnen nicht gewählt werden.

    Wie soll den verstärkte Förderung egal welcher Seite dem Profil der Uni insgesamt schaden, vor allem, da TechnikPlus darauf zielt, die Interdisziplinarität zu erhöhen?

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