„Mehr Mut zur Zumutung“

Veröffentlicht von am 25.02.2015, 15:40 | Kommentar

 

Robert_ErlinghagenAn der Universität sollten Studierende möglichst früh lernen, die eigene Komfortzone zu verlassen. Das rät Robert Erlinghagen, selbständiger Coach, Prozess- und Organisationsberater und Dozierender für Persönlichkeitsentwicklung am ZfS. Warum Selbstreflektion für den Einstieg in die Arbeitswelt nützlich ist und wie Studierende sich an der Universität persönlich weiter entwickeln können, verrät der Politologe und Romanist dem ZfS im Interview.

ZfS: Herr Erlinghagen, während Ihres Studiums haben Sie journalistische Praktika absolviert, auf dem Bau, in einer Druckerei und als Hilfskraft an der Universität gejobbt. Wie kamen Sie von dort zum Coaching?

Robert Erlinghagen: Halb zog es mich in die Branche, halb sank ich in sie hinein. Denn der Einstieg in die Beratung war vor allem eine finanzielle Entscheidung: Ich wollte promovieren und brauchte Geld. So musste ich das Papierkübelschleppen in der Druckerei gegen einen besser bezahlten Job tauschen. Das Berater- und Trainer-Handwerk habe ich dann von der Pieke auf in einer deutsch-schweizerischen Beratungsfirma erlernt. Später war ich als Lehrer an Hochschulen und Gymnasien und als Vorstandsreferent für eine Gewerkschaft tätig. Hinzu kamen Aufgaben in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung und Mitorganisation von Tagungen zu aktuellen gesellschaftlichen Themen.

ZfS: Das klingt nach einem sehr bunten Berufsweg. Inwiefern hat Sie Ihr interdisziplinäres Fachstudium in Deutschland und Frankreich auf die Herausforderungen Ihres jetzigen Berufs vorbereitet?

Robert Erlinghagen: Mein fachlicher Hintergrund unterstützt mich in der Arbeitspraxis dabei, Strukturen und komplexe Zusammenhänge der verschiedensten sozialen Systeme zu hinterfragen, zu analysieren und zu verstehen. Besonders hilfreich finde ich die Kernkompetenzen, die ich im Studium nebenher erworben habe: Fragen stellen, Beobachten, Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden, Komplexität erfassen und reduzieren, selbstständig und reflektiert arbeiten.

ZfS: Gleiches wollen Sie also den Studierenden vermitteln, die Ihre Seminare besuchen?

Robert Erlinghagen: Ja, denn die Arbeitswelt ist heute enorm vernetzt. Das bedeutet, dass Arbeitsprozesse nicht nur eine fachliche Seite, sondern auch eine soziale Komponente erfordern. Von Berufsanfänger wird erwartet, dass sie ständig neue Rollen einnehmen, Beziehungen knüpfen und halten oder Konflikte in der Gruppe bewältigen können. Um dem gerecht zu werden, müssen Absolventen sich vor allem gut mit sich selbst auskennen. Denn viele von ihnen werden später in Führungspositionen arbeiten.

ZfS: Und warum ist eine reflektierte Persönlichkeit besonders in Führungspositionen wichtig?

Robert Erlinghagen: In der Rolle der Führungsperson wird man erst recht zur Projektionsfläche für Erwartungen, Wünsche, Hoffnungen und Ängste der Mitarbeiter. Um diesem Druck als Führungskraft mit Stabilität und gesundem Verstand zu begegnen, ist eine gute Selbstkenntnis außerordentlich nützlich. Und nicht zuletzt ist es auf lange Sicht auch hilfreich zu wissen, was ich eigentlich selbst in meinem Leben machen und erreichen will.

ZfS: Das ist wahrscheinlich einfacher gesagt als getan. Ist Persönlichkeits-entwicklung denn trainierbar?

Robert Erlinghagen: Ich glaube nicht, dass „trainieren“ der richtige Begriff ist, denn es geht nicht um Übung und es gibt auch kein vorgegebenes Leistungs- oder Lernziel. Was eine „gute Persönlichkeitsentwicklung“ oder gar eine „gute Persönlichkeit“ ist, kann nicht pauschal definiert werden. Die eigene Persönlichkeit kann man aber sehr gut durch Selbstreflektion, Selbsterfahrung sowie die Verarbeitung von Spiegelungen und Rückmeldungen durch andere entwickeln. Auf diese Weise erhält man ein fundiertes Selbst- und Fremdbild der eigenen Persönlichkeit, das man gegeneinander abwägen kann. Das bedeutet manchmal aber auch: raus aus der Komfort-Zone und Mut zur Zumutung.

ZfS: Wir sollen uns also wieder mehr auf uns selbst und unseren Werdegang zurück besinnen. In der Praxis fällt das vielen Studierenden besonders schwer. Warum?

Robert Erlinghagen: Die Angst, sich für etwas Falsches zu entscheiden, etwas Wichtiges zu verpassen oder noch nicht die beste Option gefunden zu haben, kennen heute viele Generationen, nicht nur die Studierenden. Da die Wahlmöglichkeiten in allen Lebensbereichen zugenommen haben und gleichzeitig das Vertrauen in orientierende Instanzen wie Kirche, Parteien oder auch Hochschulen abgenommen hat, ist der Einzelne wieder stärker auf sich selbst zurückgeworfen. Und diese Qual der Wahl kann zur Herausforderung werden.

ZfS: Und wie bereiten Sie die Studierenden in Ihren Seminaren auf den Umgang damit vor?

Robert Erlinghagen: Das Seminar „Meine Stärken, meine Ziele, mein Weg“ widmet sich zum Beispiel ganz der Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Teilnehmerin und des einzelnen Teilnehmers. Hier haben die Studierenden Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen und eigene Anliegen zu bearbeiten. Dabei können sie die Resonanz aus der Gruppe nutzen. Das Seminar „Veränderung gestalten“ ist hingegen stärker daran ausgerichtet, Selbstkenntnis als professionelle Kompetenz in turbulenten Zeiten herauszuarbeiten: Wer mit äußeren Veränderungen innerlich gut umgehen kann, bringt eine wichtige Fähigkeit für die Arbeitswelt mit. Dafür gibt es bekannte Muster, Modelle, theoretische Konzepte, die ich den Teilnehmenden im Seminar vorstelle und für sie erlebbar mache.

ZfS: Was sind positive Erlebnisse, die Sie persönlich aus den ZfS-Seminaren für sich ziehen?

Robert Erlinghagen: In den Seminaren wenden sich Studierende vertrauensvoll an mich, die wichtige persönliche und berufliche Entscheidungen treffen müssen. Das führt bei mir zu einer großen Zufriedenheit, da ich das Gefühl habe, etwas Sinnvolles zu tun. Oft sind die Studierenden zum Beispiel überrascht, wenn in den Seminaren sehr persönliche Themen und Gespräche geführt werden. Denn im Alltag scheint der Leistungsdruck sehr hoch zu sein und viele von ihnen kommen mit dem Gefühl, auch gegenüber Kommilitonen oder sogar Freunden keine Unsicherheit oder Schwäche zeigen zu dürfen. Wenn sie erleben, dass sie mit ihren Unsicherheiten und Fragen nicht allein sind, ist das eine Entlastung. Vom Hörensagen weiß ich auch, dass die Seminare bei den Studierenden lange Nachwirken – das ist ein bereicherndes Feedback für mich, welches mich weiter antreibt.

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Dieser Artikel wurde verfasst von Zentrum für Schlüsselkompetenzen.

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